Schon in den dreißiger Jahren entstehen um den späteren Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Arvid Harnack und den Mitarbeiter des Reichsluftfahrtministeriums Harro Schulze-Boysen Widerstandskreise, denen sich später weitere Gruppen mit mehr als einhundert Gegnern des Nationalsozialismus ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft und weltanschaulicher Traditionen anschließen. Hieraus entsteht eine der größten deutschen Widerstandsgruppen der frühen vierziger Jahre.
Arvid und Mildred Harnack
Der Jurist und Ökonom Arvid Harnack leitet vor 1933 die weithin anerkannte Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft (Arplan). Er wendet sich konsequent gegen das NS-Regime und findet im Kreis um das Ehepaar Adam und Greta Kuckhoff Gleichgesinnte. Wichtigste Vertraute ist jedoch seine Frau Mildred, eine gebürtige Amerikanerin, die ihm 1929 nach Deutschland gefolgt ist. Im Kreis um das Ehepaar Harnack werden Grundfragen der politischen, wissenschaftlichen, literarischen und künstlerischen Entwicklung diskutiert.
Harro und Libertas Schulze-Boysen
Auch der Journalist Harro Schulze-Boysen gilt bereits vor 1933 als entschiedener Gegner der Nationalsozialisten. 1932 ist er mit 22 Jahren Herausgeber der Zeitschrift „gegner“ und Mittelpunkt eines Kreises junger Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern. Mitte der dreißiger Jahre entsteht um ihn ein Freundeskreis von Regimegegnern. Harro Schulze-Boysen arbeitet seit 1934 im Reichsluftfahrtministerium und kann sich auf diese Weise viele Informationen über die Realität der NS-Herrschaft beschaffen. Seine Frau Libertas sammelt Nachrichten über nationalsozialistische Gewaltverbrechen.
Formierung des Kreises
1940 nehmen einige Mitglieder der zunächst weitgehend voneinander unabhängigen Widerstandsgruppen um Harnack und Schulze-Boysen Verbindung miteinander und zu anderen Kreisen auf. Allmählich entsteht so ein größeres Netz von Regimegegnern. Die Methoden ihres Kampfes gegen den Nationalsozialismus sind vielfältig. Sie helfen Verfolgten, wenden sich in Flugschriften und Klebezetteln an die Öffentlichkeit und nehmen schließlich Kontakte zu Gleichgesinnten in Berlin und Hamburg auf.
Aktivitäten 1941/42
Anfang 1941 kommt es zu mehreren Treffen von Harnack und Schulze-Boysen mit sowjetischen Diplomaten. Sie informieren über Vorbereitungen zum Einfall deutscher Truppen in die Sowjetunion und wollen die sowjetische Führung in die Lage versetzen, sich auf den Angriff einzustellen. Durch die Verbindung mit der Sowjetunion hoffen sie, auf die Entwicklung Deutschlands in der Zeit nach dem Ende der NS-Herrschaft Einfluss zu nehmen und so die Eigenstaatlichkeit Deutschlands zu sichern. Die Bereitschaft der Gruppe, nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion militärisch wichtige Nachrichten über Funk nach Moskau weiterzugeben, scheitert an technischen Problemen. Seit Februar 1942 werden Flugschriften über nationalsozialistische Gewaltverbrechen und die militärischen Probleme an der Ostfront verbreitet. Die Gestapo kann die Urheber der Schriften nicht finden.
Das Ende
Im Sommer 1942 wird die Widerstandsorganisation um Harnack und Schulze-Boysen aufgedeckt. Die Gestapo ermittelt gegen sie unter dem Sammelnamen „Rote Kapelle“ und will sie vor allem als eine Spionageorganisation der Sowjetunion beurteilt wissen. Diese Bezeichnung, die die Gruppen um Harnack und Schulze-Boysen auf Kontakte zum sowjetischen Nachrichtendienst reduziert, prägt auch später das Beweggründe und Ziele verfälschende Bild in der deutschen Öffentlichkeit. Ende 1942 fällt das Reichskriegsgericht die ersten Todesurteile; insgesamt werden mehr als fünfzig Mitglieder dieser Gruppe ermordet.
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