Aktionen und Flugschriften
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| Eine von Harro Schulze-Boysen und Schülern des Heilschen Abendgymnasiums initiierte Zettelklebeaktion wendet sich gegen die nationalsozialistische Propagandaausstellung "Das Sowjetparadies" im Berliner Lustgarten. Sie wollen zeigen, dass die NS-Gegner im Innern Deutschlands noch aktiv sind. John Rittmeister, Adam Kuckhoff und andere sind dagegen, aber die Jüngeren wollen handeln. |
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Klebezettel
Berlin, Mai 1942
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| In der Nacht vom 17. auf den 18. Mai 1942 kleben Liane Berkowitz, Karl Böhme, Hans und Hilde Coppi, Ursula Goetze, Otto Gollnow, John Graudenz, Helmut Himpel, Werner Krauss, Helmut Marquart, Friedrich und Gerda Rehmer, Friedrich Schauer, Harro Schulze-Boysen, Maria Terwiel, Fritz und Hannelore Thiel sowie Wolfgang Thiess in Berlin Hunderte von Zetteln an Hauswände und Bäume. |
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| Harro Schulze-Boysen verfasst mit Cato Bontjes van Beek und Heinz Strelow diese Flugschrift unter dem Eindruck des Scheiterns der deutschen Offensive vor Moskau im Winter 1941/42. Auf sechs eng beschriebenen Seiten setzt er sich mit der nationalsozialistischen Propaganda auseinander und kommt zu dem Schluss: "Ein Endsieg des nationalsozialistischen Deutschland ist nicht mehr möglich." Schulze-Boysen unterzeichnet mit "AGIS" und will so vielleicht an die antike Gestalt des Königs Agis von Sparta anknüpfen, der seine Untertanen von ihrer Schuldenlast befreien und eine Landreform durchführen wollte. Möglicherweise verbirgt sich dahinter auch die lateinische Forderung "Agis" , d.h. " handele!" . |
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Flugschrift, Winter 1941/42
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| Die Flugschrift wird unter Beteiligung von John Graudenz, Helmut Roloff, Helmut Himpel und Maria Terwiel hektographiert und am 14., 15. und 16. Februar 1942 in mehreren hundert Exemplaren vor allem in Berlin über vier verschiedene Postämter an höhere Beamte, Offiziere, NSDAP-Funktionäre, Hochschullehrer und Geistliche versandt. Die meisten Empfänger liefern die Flugschriften bei der Polizei ab, doch die Gestapo kann die Urheber trotz intensiver Bemühungen nicht ermitteln. |
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| Der 1884 in Danzig geborene John Graudenz wird 1916 Journalist, übernimmt bald die Leitung des Berliner Büros von United Press und wechselt 1922 in das Moskauer Büro dieser großen Nachrichtenagentur. In den zwanziger Jahren hat er eine eigene Fotoagentur, arbeitet aber auch bis 1932 als Reporter für die "New York Times" . Im Anschluss daran ist er als freier Handelsvertreter tätig. Nach 1933 hat er Kontakte zu verschiedenen Widerstandsgruppen. Im Frühjahr 1939 lernt Graudenz das Ehepaar Schulze-Boysen kennen. Er besorgt einen Vervielfältigungsapparat, der bei Ernst Happach steht und auf dem verschiedene Flugschriften der Gruppe gedruckt werden. Graudenz ist maßgeblich an der Herstellung der "AGIS" -Flugschrift beteiligt, unterstützt aber auch Harro Schulze-Boysen bei der Informationsbeschaffung und hilft Hans Coppi bei der Suche nach möglichen Standorten für Funkgeräte. |
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John Graudenz
mit seinen Töchtern Silva und Karin, 1933
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| John Graudenz wird am 12. September 1942 verhaftet, am 19. Dezember 1942 zum Tode verurteilt und am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee ermordet. |
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| Die 1910 in Boppard geborene Maria Terwiel wächst in der Familie des Vizepräsidenten des Oberpräsidiums von Pommern in Düsseldorf und Stettin auf, der als Sozialdemokrat 1933 nach dem "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" in den Ruhestand versetzt wird. Da sie nach den "Nürnberger Gesetzen" als "Halbjüdin" gilt, muss Maria Terwiel ihr Jurastudium 1935 abbrechen, obwohl sie ihre Dissertation bereits fertig gestellt hat. In der folgenden Zeit arbeitet sie für ein französisch-schweizerisches Unternehmen. Durch ihren Lebensgefährten, den Zahnarzt Helmut Himpel, erhält sie Kontakt zu Schulze-Boysen und Graudenz. Maria Terwiel ist an der Vervielfältigung Tausender von Flugschriften beteiligt. Darunter sind die " Napoleon" -Flugschrift Schulze-Boysens, dessen "AGIS-Flugschrift" , aber auch die Predigten des Bischofs Clemens August Graf von Galen, der sich im Sommer 1941 gegen die nationalsozialistischen Krankenmorde wendet. |
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Maria Terwiel und Helmut Himpel
um 1938
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| Maria Terwiel nimmt gemeinsam mit Fritz Thiel an der nächtlichen Klebeaktion vom 17. Mai 1942 teil. Helmut Himpel unterstützt Juden und andere Verfolgte des NS-Regimes medizinisch und hat seit 1939 Kontakt zu Schulze-Boysen und Graudenz. Mehrfach beteiligt er sich an der Verbreitung von Flugschriften und gewinnt Ende 1941 auch den Pianisten Helmut Roloff für Widerstandsaktivitäten. Am 17. September 1942 werden Helmut Himpel und Maria Terwiel festgenommen und am 26. Januar 1943 gemeinsam zum Tode verurteilt. Helmut Himpel wird am 13. Mai 1943, Maria Terwiel am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet. |
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| Die Gruppe um den früheren Redakteur der "Roten Fahne" John Sieg verbreitet seit Ende 1941 regelmäßig die vervielfältigte Druckschrift "Die innere Front" . Sie enthält Aufrufe, Informationen über die Lage in der europäischen Wirtschaft sowie Hinweise auf die Sendefrequenzen des Moskauer Rundfunks, aber auch fremdsprachige Texte, die sich an die Zwangsarbeiter in Deutschland wenden. Obwohl mehrere Ausgaben der "inneren Front" erschienen sind, ist nur ein Exemplar vom August 1942 überliefert. Die Texte werden auf eine Wachsmatrize getippt und in einem Malergeschäft in Berlin-Rudow abgezogen. Walter Husemann, Fritz Lange und Martin Weise gehören ebenso wie Herbert Grasse zu den Mitarbeitern der "inneren Front" . |
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Flugschrift vom August 1942
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| Der 1910 in Berlin geborene Herbert Grasse schließt sich nach der Buchdruckerlehre dem kommunistischen Jugendverband und später der KPD an. Nach 1933 ist er an der Herstellung und Verbreitung der illegalen Zeitung "Neuköllner Sturmfahne" beteiligt. Grasse wird 1936 festgenommen und zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, kann aber nach seiner Entlassung im Januar 1939 wieder Kontakt zu seinen Freunden aufnehmen, so auch zu den Widerstandskreisen um John Sieg und Wilhelm Schürmann-Horster. Grasse stellt in der kleinen Druckerei, in der er beschäftigt ist, heimlich Flugblätter her und hilft bei der Vervielfältigung der illegalen Druckschrift "Die innere Front" . Grasse verteilt Flugschriften in verschiedenen Widerstandskreisen. Er nutzt dazu seine Kontakte in Berliner Rüstungsbetrieben. Gemeinsam mit Eugen Neutert bemüht er sich, ausländische Zwangsarbeiter für gemeinsame Aktionen zur Störung der Kriegsproduktion zu gewinnen. Herbert Grasse wird am 23. Oktober 1942 festgenommen. Einen Tag später begeht er auf dem Weg zur Vernehmung im Berliner Polizeipräsidium Selbstmord. |
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| Wilhelm Guddorf wächst in einer katholischen Gelehrtenfamilie auf. Er studiert Sprachen und Geschichte, schreibt für die Düsseldorfer "Freiheit" , ein Organ der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD), und tritt 1922 der KPD bei. 1926 wird er Redakteur des kommunistischen Parteiorgans "Die Rote Fahne" und leitet hier den außenpolitischen Teil. Nach parteiinternen Differenzen verlässt er 1932 diese Zeitung. Guddorf wird 1934 verhaftet, zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt und danach zwei weitere Jahre im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Nach der Entlassung aus der Haft arbeitet er in einer Berliner Buchhandlung. Nachdem er im Herbst 1939 erneut für kurze Zeit festgenommen worden ist, baut er gemeinsam mit Fritz Lange und Martin Weise eine kommunistische Gruppe auf, die seit 1940 auch Kontakte nach Hamburg hat. |
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Wilhelm Guddorf mit seiner Tochter Isa um 1933
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| Zur selben Zeit steht er in enger Verbindung mit John Sieg, über den er 1941 Arvid Harnack kennen lernt. Guddorf ist maßgeblich an der "inneren Front" , aber auch gemeinsam mit Harro Schulze-Boysen und mit Arvid Harnack an anderen Flugschriften beteiligt. Wilhelm Guddorf wird im Oktober 1942 festgenommen, am 3. Februar 1943 zum Tode verurteilt und am 13. Mai 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet. |
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| Die 1921 in Berlin geborene Eva-Maria Buch wächst in einem katholischen Elternhaus auf. Als die von Ordensschwestern geleitete St.-Ursula-Schule im Mai 1939 geschlossen wird, verlässt sie die Schule ohne Abitur. Sie absolviert eine Ausbildung als Dolmetscherin und gibt gelegentlich an der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Berliner Universität Sprachunterricht. Als sie aushilfsweise in einem Antiquariat arbeitet, lernt sie den als Buchhändlergehilfen angestellten ehemaligen Journalisten Wilhelm Guddorf kennen, der nach mehreren Jahren aus der KZ-Haft entlassen worden ist. |
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Eva-Maria Buch
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| Die fest im katholischen Glauben verwurzelte Eva-Maria Buch unterstützt Guddorf bei seiner illegalen Arbeit und übersetzt auch einzelne Flugschriften der Gruppe, die sich an französische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene richten. Im Herbst 1942 hilft sie nach den ersten Festnahmen Guddorf, illegal in Berlin zu leben. Eva-Maria Buch wird am 10. Oktober 1942 in der Wohnung ihrer Eltern festgenommen. Sie versucht weiterhin, ihren Lebensgefährten Wilhelm Guddorf zu decken. Am 3. Februar 1943 wird sie zum Tode verurteilt und am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet. |
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| Mitglieder der Gruppen um Harnack und Schulze-Boysen erfahren sehr frühzeitig von den Massenverbrechen im Osten. Libertas Schulze-Boysen kommt in der Kulturfilmstelle in den Besitz von Aufnahmen und Filmen der Massenerschießungen durch die "Einsatzgruppen des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD" . Als Reaktion auf die erschütternden Berichte schreiben John Sieg und Adam Kuckhoff 1942 einen fiktiven Brief an einen Polizeihauptmann. Der Massenmord wird hier aus der Sicht der Täter geschildert. Die genaue Auflage und Verbreitung dieser hektographierten Flugschrift sind nicht bekannt. |
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Flugschrift, Anfang 1942
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| Der 1905 in Stuttgart geborene Kurt Schumacher erlernt den Beruf des Holzschnitzers und studiert in Berlin Bildhauerei. Der mehrfach ausgezeichnete Künstler kennt Harro Schulze-Boysen seit 1932 aus der gemeinsamen Arbeit für die Zeitschrift "gegner" . 1934 heiratet Schumacher Elisabeth Hohenemser. Im März 1935 kann er sein Studium abschließen und arbeitet danach als freier Bildhauer. |
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Kurt und Elisabeth Schumacher
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| Bereits 1937/38 unterstützen Elisabeth und Kurt Schumacher politisch Verfolgte, Mitte August 1939 verhilft Kurt Schumacher dem aus dem Strafgefangenenlager Aschendorfer Moor geflohenen Rudolf Bergtel zur Flucht in die Schweiz. Im Juni 1941 wird Kurt Schumacher zum Landesschützenbataillon 662 einberufen, wo er 1942 auch das Flugblatt "Offne Briefe an die Ostfront" verbreitet. Elisabeth Hohenemser, in Darmstadt 1904 geboren, studiert in Offenbach, später in Berlin in der Meisterklasse des Grafikers Ernst Böhm. Anschließend arbeitet sie als Grafikerin bei der Reichsstelle für Arbeitsschutz. Mitte August 1942 nimmt Elisabeth Schumacher den Fallschirmspringer Albert Hößler auf und vermittelt ihm Kontakte zu Schulze-Boysen und Hans Coppi. Kurt und Elisabeth Schumacher werden am 12. September 1942 festgenommen, am 19. Dezember 1942 zum Tode verurteilt und drei Tage später gemeinsam in Berlin-Plötzensee ermordet. |
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| John Sieg kommt 1903 in Detroit in einer deutsch-amerikanischen Familie zur Welt. 1912 siedelt er nach Deutschland über und besucht im Anschluss an die Volksschule ein Lehrerseminar, bis er 1923 in die USA zurückgeht. Dort arbeitet er in Automobilfabriken, studiert an Abendcolleges und kehrt schließlich 1928 nach Deutschland zurück. Im selben Jahr heiratet er die Sekretärin Sophie Wloszczynski. 1929 wird John Sieg Mitglied der KPD, schreibt zugleich für die Berliner Presse und lernt Adam Kuckhoff, den Chefredakteur der Zeitschrift "Die Tat" , kennen. Als Feuilletonredakteur des kommunistischen Zentralorgans "Rote Fahne" gerät Sieg im Frühjahr 1933 für drei Monate in Haft. Nach Arbeitslosigkeit und Aushilfstätigkeiten ist er seit 1937 als Güterbodenarbeiter bei der Reichsbahn tätig. |
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Sophie und John Sieg
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| Er engagiert sich im kommunistischen Widerstand in Berlin-Neukölln und wird hier zum Kristallisationspunkt verschiedener Gruppen. Seit Mitte der dreißiger Jahre hält er enge Kontakte zu Arvid Harnack und Adam Kuckhoff. Sophie und John Sieg werden am 11. Oktober 1942 festgenommen. John Sieg erhängt sich am 15. Oktober 1942 in seiner Zelle. Bereits im Frühjahr 1942 hat er Freunden erklärt, er sei im Falle der Festnahme zum Selbstmord entschlossen, um niemanden zu verraten. Sophie Sieg wird im Juni 1943 im KZ Ravensbrück inhaftiert, aus dem sie am 30. April 1945 durch die Rote Armee befreit wird. |